2.1 Angekommen: Inmaculada Ventura "Zwischen Olivenhainen und Fachwerk"
2.1 Angekommen: Inmaculada Ventura
"Zwischen Olivenhainen und Fachwerk"
Wenn Inmaculada Ventura von ihrer Heimat erzählt, dann riecht man fast das Olivenöl.
Sie stammt aus dem Baix Ebre, einer Region im Süden Kataloniens, rund 200 Kilometer südlich von Barcelona. Dort, wo die Tage warm und die Nächte kalt sind, wo Mandelbäume und Olivenhaine wachsen und wo viele Familien noch immer von der Landwirtschaft leben.
Auch ihre Familie bewirtschaftet seit Generationen Oliven- und Mandelbäume. Die Oliven werden zu feinem, extra nativem Öl gepresst. Mandeln werden karamellisiert oder gesalzen, Zitrusfrüchte erst geerntet, wenn sie wirklich reif sind.
"Wir beginnen nie zu früh", sagt sie.
"Geduld gehört dazu."
Vielleicht ist das ein Satz, der auch zu ihrem Leben passt.
Ankommen ohne Sicherheitsnetz
Seit 1987 lebt Inmaculada in Deutschland. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Doch ihre Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Spanien war noch nicht Mitglied der Europäischen Union, Abkommen fehlten, Möglichkeiten ebenso. Sie kam der Liebe wegen: Ihren Mann lernte sie in Spanien kennen. Er ermutigte sie, nach Deutschland zu kommen.
"Das war sehr spontan", sagt sie.
"So wie mein ganzes Leben."
Sie lernte Deutsch, so schnell sie konnte. In vier Monaten brachte sie sich so viel bei, dass sie direkt in den höchsten Kurs der Volkshochschule einsteigen konnte. Sprache war für sie der Schlüssel.
"Wenn man hier bleiben will, muss man verstehen, was die Menschen sagen."
Doch nicht alle wollten helfen. Bei einem Amt fragte sie ein Mitarbeiter, ob sie mit dem Pferd angereist sei. Eine Bemerkung, die sich einprägt.
"Ich war kein Flüchtling im eigentlichen Sinne", sagt sie, "aber Rassismus habe ich trotzdem erlebt."
Es gab Tage, an denen sie zurück nach Spanien wollte. Aber sie blieb.
Arbeit, Kinder, Neubeginn
Sie machte eine Ausbildung bei Leica in Wetzlar, arbeitete später in der IT in Frankfurt, zog zwei Kinder groß - größtenteils alleinerziehend.
"Ich bin sehr stolz, dass ich mein Leben hier allein gemeistert habe."
Viele Menschen haben sie unterstützt. Ein Lehrer legte den Unterricht so, dass sie trotz Schwangerschaft teilnehmen konnte. Kontakte im Kindergarten, später in der Schule der Kinder, halfen beim Ankommen.
"Ohne Sprache geht es nicht", sagt sie heute, "aber ohne Begegnung mit guten Menschen auch nicht."
Ein Kofferraum voller Heimat
Die Idee für ihren Laden entstand beinahe zufällig. Bei der Eröffnung eines Hofladens brachte sie ein paar Flaschen des familieneigenen Olivenöls mit.
Die Resonanz war überwältigend.
"Die Menschen haben sofort den Unterschied zum Öl aus dem Supermarkt geschmeckt."
Am Abend sagte ihr Sohn: "Mutter, wir brauchen hier mehr von unserem Olivenöl."
Also fuhren sie nach Spanien, luden den Kofferraum voll - und begannen zu verkaufen.
Seit 2019 betreibt sie Ventura Feinkost in der Wetzlarer Altstadt.
Die Produkte stammen von kleinen Manufakturen, die sie fast alle persönlich kennt.
"Viel und günstig gibt es woanders", sagt sie und lacht.
Ihre großen braunen Augen leuchten, wenn sie von gutem Schinken und von gutem Käse spricht.
Zwischen zwei Welten
Inmaculadas Familie lebt noch in Spanien, Geschwister, Neffen. Drei- oder viermal im Jahr sehen sie sich. Doch ganz zurückkehren? Das kann sie sich nicht vorstellen.
"Man verändert sich", sagt sie.
Wer andere Kulturen kennenlernt, entwickelt sich weiter. Die alten Bindungen bleiben, aber sie werden anders.
"Man findet nicht mehr so den Draht wie früher."
Sie ist noch ein Kind der Franco-Diktatur. Vierzig Jahre Isolation, Angst und Schweigen prägten das Land.
Erst in Deutschland wurde ihr bewusst, wie groß die Unterschiede waren. Während ihr Mann als Jugendlicher ein Mofa und Schallplatten besaß, gab es in ihrer Familie kaum Besitz.
Vielleicht erklärt das auch ihren Blick auf Arbeit und Durchhaltevermögen.
"Nicht gleich aufgeben", sagt sie, wenn sie an Menschen denkt, die neu nach Deutschland kommen.
"Und zuerst die Sprache lernen."
Ohne Sprache keine Teilhabe.
Mit Leidenschaft verwurzelt
Wer Inmaculada trifft, spürt schnell ihre Energie. Sie spricht nicht über Schwierigkeiten, um sich zu beklagen, sondern um zu zeigen, dass man sie überwinden kann. Ihre Begeisterung für gute Produkte ist echt, ihre Überzeugung ansteckend.
Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Sie wartet nicht darauf, dass die Bedingungen perfekt sind. Inmaculada macht einfach. Spontan, mutig, entschlossen. Sie hat sich in einem fremden Land ein eigenständiges Leben aufgebaut, hat Rückschläge angenommen und weitergemacht.
Inmaculada Ventura hat gelernt, in zwei Welten zu leben. Zwischen Olivenhainen und Fachwerk, zwischen südländischer Leichtigkeit und deutscher Gründlichkeit.
Und wenn sie heute im Laden hinter der Theke steht, mit leuchtenden Augen und dieser Zuversicht, dann spürt man: Hier steht jemand, der Wurzeln geschlagen hat - nicht trotz der eigenen Geschichte, sondern gerade wegen ihr.
"Zwischen Olivenhainen und Fachwerk"
Wenn Inmaculada Ventura von ihrer Heimat erzählt, dann riecht man fast das Olivenöl.
Sie stammt aus dem Baix Ebre, einer Region im Süden Kataloniens, rund 200 Kilometer südlich von Barcelona. Dort, wo die Tage warm und die Nächte kalt sind, wo Mandelbäume und Olivenhaine wachsen und wo viele Familien noch immer von der Landwirtschaft leben.
Auch ihre Familie bewirtschaftet seit Generationen Oliven- und Mandelbäume. Die Oliven werden zu feinem, extra nativem Öl gepresst. Mandeln werden karamellisiert oder gesalzen, Zitrusfrüchte erst geerntet, wenn sie wirklich reif sind.
"Wir beginnen nie zu früh", sagt sie.
"Geduld gehört dazu."
Vielleicht ist das ein Satz, der auch zu ihrem Leben passt.
Ankommen ohne Sicherheitsnetz
Seit 1987 lebt Inmaculada in Deutschland. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Doch ihre Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Spanien war noch nicht Mitglied der Europäischen Union, Abkommen fehlten, Möglichkeiten ebenso. Sie kam der Liebe wegen: Ihren Mann lernte sie in Spanien kennen. Er ermutigte sie, nach Deutschland zu kommen.
"Das war sehr spontan", sagt sie.
"So wie mein ganzes Leben."
Sie lernte Deutsch, so schnell sie konnte. In vier Monaten brachte sie sich so viel bei, dass sie direkt in den höchsten Kurs der Volkshochschule einsteigen konnte. Sprache war für sie der Schlüssel.
"Wenn man hier bleiben will, muss man verstehen, was die Menschen sagen."
Doch nicht alle wollten helfen. Bei einem Amt fragte sie ein Mitarbeiter, ob sie mit dem Pferd angereist sei. Eine Bemerkung, die sich einprägt.
"Ich war kein Flüchtling im eigentlichen Sinne", sagt sie, "aber Rassismus habe ich trotzdem erlebt."
Es gab Tage, an denen sie zurück nach Spanien wollte. Aber sie blieb.
Arbeit, Kinder, Neubeginn
Sie machte eine Ausbildung bei Leica in Wetzlar, arbeitete später in der IT in Frankfurt, zog zwei Kinder groß - größtenteils alleinerziehend.
"Ich bin sehr stolz, dass ich mein Leben hier allein gemeistert habe."
Viele Menschen haben sie unterstützt. Ein Lehrer legte den Unterricht so, dass sie trotz Schwangerschaft teilnehmen konnte. Kontakte im Kindergarten, später in der Schule der Kinder, halfen beim Ankommen.
"Ohne Sprache geht es nicht", sagt sie heute, "aber ohne Begegnung mit guten Menschen auch nicht."
Ein Kofferraum voller Heimat
Die Idee für ihren Laden entstand beinahe zufällig. Bei der Eröffnung eines Hofladens brachte sie ein paar Flaschen des familieneigenen Olivenöls mit.
Die Resonanz war überwältigend.
"Die Menschen haben sofort den Unterschied zum Öl aus dem Supermarkt geschmeckt."
Am Abend sagte ihr Sohn: "Mutter, wir brauchen hier mehr von unserem Olivenöl."
Also fuhren sie nach Spanien, luden den Kofferraum voll - und begannen zu verkaufen.
Seit 2019 betreibt sie Ventura Feinkost in der Wetzlarer Altstadt.
Die Produkte stammen von kleinen Manufakturen, die sie fast alle persönlich kennt.
"Viel und günstig gibt es woanders", sagt sie und lacht.
Ihre großen braunen Augen leuchten, wenn sie von gutem Schinken und von gutem Käse spricht.
Zwischen zwei Welten
Inmaculadas Familie lebt noch in Spanien, Geschwister, Neffen. Drei- oder viermal im Jahr sehen sie sich. Doch ganz zurückkehren? Das kann sie sich nicht vorstellen.
"Man verändert sich", sagt sie.
Wer andere Kulturen kennenlernt, entwickelt sich weiter. Die alten Bindungen bleiben, aber sie werden anders.
"Man findet nicht mehr so den Draht wie früher."
Sie ist noch ein Kind der Franco-Diktatur. Vierzig Jahre Isolation, Angst und Schweigen prägten das Land.
Erst in Deutschland wurde ihr bewusst, wie groß die Unterschiede waren. Während ihr Mann als Jugendlicher ein Mofa und Schallplatten besaß, gab es in ihrer Familie kaum Besitz.
Vielleicht erklärt das auch ihren Blick auf Arbeit und Durchhaltevermögen.
"Nicht gleich aufgeben", sagt sie, wenn sie an Menschen denkt, die neu nach Deutschland kommen.
"Und zuerst die Sprache lernen."
Ohne Sprache keine Teilhabe.
Mit Leidenschaft verwurzelt
Wer Inmaculada trifft, spürt schnell ihre Energie. Sie spricht nicht über Schwierigkeiten, um sich zu beklagen, sondern um zu zeigen, dass man sie überwinden kann. Ihre Begeisterung für gute Produkte ist echt, ihre Überzeugung ansteckend.
Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Sie wartet nicht darauf, dass die Bedingungen perfekt sind. Inmaculada macht einfach. Spontan, mutig, entschlossen. Sie hat sich in einem fremden Land ein eigenständiges Leben aufgebaut, hat Rückschläge angenommen und weitergemacht.
Inmaculada Ventura hat gelernt, in zwei Welten zu leben. Zwischen Olivenhainen und Fachwerk, zwischen südländischer Leichtigkeit und deutscher Gründlichkeit.
Und wenn sie heute im Laden hinter der Theke steht, mit leuchtenden Augen und dieser Zuversicht, dann spürt man: Hier steht jemand, der Wurzeln geschlagen hat - nicht trotz der eigenen Geschichte, sondern gerade wegen ihr.